Hans Coppi – Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bauen

Geleitwort zur Broschüre „Nachkommen der Verfolgten des Naziregimes, von Exil und Widerstand, melden sich zu Wort (2019)“ der Berliner VVN-BdA e.V.

Unsere Vorfahren leisteten in vielfältiger Weise Widerstand gegen den Naziterror in Deutschland und führten ihn auch weiter, nachdem sie sich ins Exil retten mussten. Sie kämpften für Spaniens Freiheit, in den Armeen der Anti-Hitler-Koalition oder als Partisanen. Sie überlebten Deportationen in Ghettos, Konzentrationslager, Zuchthäuser, Gefängnisse, Zwangsarbeit und Repressionen im sowjetischen Exil. Viele, viel zu viele unserer Familienangehörigen überlebten ihre Verfolgung nicht. Sie starben unter entsetzlichen Bedingungen, wurden im Holocaust, in Lagern und Hinrichtungsstätten ermordet oder Opfer des Stalinistischen Terrors.

Von den Widerstands-, Exil- und Verfolgungsgeschichten in ihren Familien geprägt, treten in den vergangenen Jahren immer mehr Nachkommen mit Publikationen, Dokumentarfilmen, Lesungen und Ausstellungen an die deutsche Öffentlichkeit. Sie verlegen Stolpersteine, enthüllen Gedenktafeln für ihre Angehörigen, beteiligen sich an Protesten gegen Radikalnationalisten, Rechtsextremisten und den Versuch einer Geschichtsrevision. Sie sind gefragte Gesprächspartner an Schulen und in der politischen Bildung geworden. Dabei zeigt sich, dass wir als Nachfahren eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bauen und auf diese Weise auch Jugendliche erreichen können. Wir vermitteln ihnen einen Einblick in (weitgehend unbekannte) antifaschistische Lebensgeschichten. Diese Erfahrungen vertiefen historisches Wissen und können die Zuhörenden zugleich anregen, die eigene Familiengeschichte zu befragen.

Mit unserem öffentlichen Auftreten bereichern wir die in Jahrzehnten gewachsene Erinnerungskultur und verteidigen sie zugleich gegen die Angriffe von Rechtsnationalisten und aus den Reihen der AfD. Wir bezeugen mit unserer Existenz und unserem Auftreten, Widerstand, Exil und Verfolgung in unseren Familien und halten die Erinnerung daran wach.

Um diese Arbeit ausbauen zu können, benötigen wir einen noch größeren Kreis von Mitstreiterinnen und Mitstreitern, aber auch Kooperationspartner in Schulen, gedenk- und erinnerungspolitischen Initiativen und Gedenkstätten.

Drei Frauen, Angehörige von Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944, haben zum Gedenktag einen Aufruf für ein vereintes Europa veröffentlicht. Diese Botschaft mit mehr als 400 Unterschriften prangte am 20. Juli 2018 auf der ersten Seite des Berliner Tagesspiegels. Darin heißt es “Statt gemeinsam an den Herausforderungen der Zukunft zu arbeiten, ziehen sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger zurück, während Populisten mehr und mehr Zulauf erhalten, Politiker verbal aufrüsten und auf Abschottung setzen. Das ist nicht das Vermächtnis, das die Männer und Frauen des 20. Juli, aus der Arbeiterbewegung, der Roten Kapelle und weiterer Widerstandskreise im Sinn hatten. Mit ihrem Widerstand haben sie ein Zeichen gesetzt, das heute noch genauso gilt wie damals: Es erfordert Mut und Zivilcourage, um Recht, Freiheit und Demokratie zu verteidigen.“

Wir sollten uns als Nachkommen noch mehr als bisher in den Debatten überzunehmenden Antisemitismus, Rechtsnationalismus, Rassismus und Geschichtsrevisionismus das Wort ergreifen. Wichtig wäre, dass wir uns dafür noch besser vernetzen, uns besser kennenlernen. Wir sollten nicht nur gemeinsam Geschichte und Gegenwart reflektieren, sondern auch gemeinsam handeln und Allianzen schmieden.

Als ich vor vier Jahren zu einem „Kindertreffen“ der Stiftung 20. Juli eingeladen wurde, habe ich die Literaturagentin Elisabeth Ruge kennengelernt. Ihr Großvater, der am 10. August 1944 in Plötzensee hingerichtete Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, gehörte zum inneren Kreis der Verschwörer. Elisabeth Ruge und ich haben die Initiative ergriffen, kurz darauf Nachkommen aus Widerstandskreisen des 20. Juli, dem Arbeiterwiderstand, der Roten Kapelle und anderer Widerstandsgruppen sowie aus dem Exil zusammenzuführen und zu einem ersten Berliner Angehörigentreffen einzuladen. Die Journalistin Gemma Pörzgen, Enkeltochter des christlichen Gewerkschafters Heinrich Körner, der ebenfalls zum 20. Juli gehörte, geht in ihrem Beitrag auf die Folgetreffen ein.

Die Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 stellte im Februar 2015 zum ersten Mal ihre jährliche Tagung unter das Motto „Seid einig, einig gegen Hitler! – Formen, Ziele und Motive des Widerstands von links“. An dieser für alle Beteiligten interessanten Tagung nahmen meine Historiker-Kollegen Bärbel Schindler-Saefkow (siehe auch ihren Beitrag in dieser Broschüre), Stefan Heinz und ich als Referenten und Gesprächspartner teil.

Am 21. Juli 2015 erschien im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ ein längerer Artikel von Elisabeth Ruge und der Historikerin Frauke Geyken unter dem Titel „Die Untoten“. Einleitend schrieben sie: „In den Netzwerken des Widerstands fanden sich während der Nazizeit die anderen besseren Deutschen.“ In diesem Artikel wurde ein ganz neuer Ton angeschlagen: Es bildeten sich auch außerhalb des 20. Juli Netzwerke, die um einiges bunter und größer waren als bislang dargestellt. Dazu gehörte der im Westen lange Zeit verschmähte Widerstandes der Roten Kapelle und eine der größten Berliner Widerstandsorganisationen um die Kommunisten Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein mit ihren vielfältigen Widerstandsaktivitäten und Tuchfühlungen zu Mitstreitern des 20. Juli und des Kreisauer Kreises.

In den frühen Nachkriegsjahren erinnerten gemeinsame Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Faschismus, kurze Zeit getragen von Überparteilichkeit, Überkonfessionalität und gleichberechtigte Nebeneinander verschiedene Weltanschauungen und Überzeugungen. Sie knüpften an Erfahrungen und Lehren aus Widerstand wie auch Haft in Konzentrationslagern und Zuchthäusern an. Im bald nach 1945 beginnenden Kalten Krieg wurden die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Widerstandsgruppen zunehmend von dem politischen Gegensatz der sich auseinander entwickelnden gesellschaftlichen Systeme in Ost und West überlagert. Aus solidarisch verbundenen Mitstreitern wurden in einigen Fällen über lange Jahre ideologische Gegner.

Heute erfahren wir bei den Angehörigentreffen und in den für alle Nachkommen offenen Workshops wieder mehr über die Vielfalt des deutschen Widerstands. Wir betonen nicht mehr so sehr das das Trennende, sondern entdecken in den Familiengeschichten viel Verbindendes wieder. Schließlich gab es das gemeinsame Ziel, das Nazi-Regime zu bekämpfen und zu überwinden.

Trotz aller Fortschritte in der mühsam errungenen Erinnerungskultur in Deutschland haben die zwölf Jahre des Widerstandes gegen das Naziregime – sei es in Deutschland oder im Exil – zu wenig Spuren im öffentlichen Bewusstsein und im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Es ist unsere Aufgabe als Angehörige – auch angesichts neuer Bedrohungen durch das Wiedererstarken rechtsnationalistischer Bewegungen – gemeinsam daran zu arbeiten, dass sich dies verändert. Unsere Broschüre möchte dazu ihren Beitrag leisten.

Hans Coppi ist Ehrenvorsitzender der Berliner VVN-BdA und Freier Mitarbeiter an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Die Familiengeschichte aufschreiben – Hinweis für angehene Autor*innen

Die Quellen

Auswertung von Oral History – Gespräche mit den Zeitzeugen

Die Aufgabe des Lektorats ist es, historische Angaben zu überprüfen (quellenkritische Auseinandersetzung), da Zeitangaben und -empfinden stets subjektiv geprägt sind. Widersprüche zu anderen Zeitzeugenberichten müssen dabei nicht hinterfragt werden, insofern sie keine allgemeinen historischen Angaben betreffen, da:
• Erinnerungen können lückenhaft sein
• Erinnerungen können sich verändern und vermischen mit anderen Berichten aus Büchern, Fernsehen, Zeitungsberichten
• Dilemma des Lektorats: bei eindeutigen „Vermischungen“ bekannter Sequenzen (z.B. aus „Schindlers Liste“ Autor angemessen darauf hinweisen, ggf. nochmal nachfragen, auf Traumatisierung achten, auf mögliche „Vermischung“ hinweisen (z.B. Fußnote, Vorwort etc.)

Auswertung von Oral History – Gespräche mit den Betroffenen

Zeitzeugenberichte sind immer subjektiv und vielschichtig! Stellen sie persönliche, offene Fragen. Statt „Wie war es, als die Russen einmarschiert sind?“ fragen Sie besser: „Wie war deine Situation, als du den ersten russischen Soldaten begegnet bist?“
Hier ein möglicher Fragenkatalog als Leitfaden: Familiärer Hintergrund, Schule, Freizeit, Kriegserfahrung, Kriegsende, Nachkriegszeit bis 1949, 1949 bis heute? Wie sah es an einem bestimmten Ort aus? Wie viele Menschen waren da? Wie hießen die Menschen? Was hatten sie an? Was hast du gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, gefühlt?

Auswertung von Tagebüchern, Briefen, schriftlichen und persönlichen Zeugnissen

Untermauern Sie die Auswertung von Oral History mit schriftlichen Zeugnissen untermauern (wenn möglich). Achten Sie bei der Recherche von Dokumenten und Abbildungen auf die Bildqualität. Bilddateien und Scan sollten in hochauflösender Qualität vorliegen (mindestens 300 dpi). Klären Sie die Bildrechte: Wem gehör(t)en die Fotos? Was zeigen sie? Wer hat sie aufgenommen? Eine Faustregel für das Urheberrecht: Es gilt für Fotos bis 25 Jahre nach dem Tod des Urhebers, sich bei Archivmaterial immer nach einer Abdruckgenehmigung zu erkundigen! Überlegen Sie sich Bildunterschriften!

Motive und Ziele des Schreibens Angehöriger aus 2., 3. oder 4. Generation

Machen Sie sich als erstes Gedanken über Ihre Zielgruppe: Für wen schreibe ich? Für die Familie? Für mich? Für weitere Angehörige? Zur Publikation gedacht?

Wichtige inhaltliche Fragen für das Aufschreiben der Familiengeschichte sind: Was möchte ich mitteilen? Was sollte vermieden werden? Was ist zu persönlich?

Aus welcher Perspektive wollen Sie schreiben? Erzählende Perspektive auf die Vorfahren? Eigene Perspektive und Auswirkungen der Shoah auf das eigene Leben?

Beachten Sie die Möglichkeit auftretender Traumatisierungen. Das Schreiben kann jedoch auch Heilungsprozess und Aufarbeitung sein. Wägen Sie hier eine mögliche Tabuisierung von Themenfeldern und Akzeptanz des Ungesagten ab.

Überlegungen zu Papier bringen

Welche Form soll die Familiengeschichte annehmen?
• Sachlicher Bericht
• Roman?
• Lyrik?

Sachlicher Bericht: Vermeiden Sie Beschönigungen und Ausschmückungen (keinen Roman daraus machen)! Lassen Sie „Unterstellungen“ und Mutmaßungen weg. Achten Sie darauf, die Wiedergabe charakterlicher Eigenschaften aus eigener Perspektive stringent darstellen: „Mein Großvater war ein zurückhaltender Mann.“ „Meine Mutter war eine sehr widersprüchliche Frau.“

Beispiele aus dem Verlagsprogramm von Hentrich&Hentrich

Bsp.1: Tagebuch, 1. Generation

Heinz Salvator Kounio: Ein Liter Suppe und 60 Gramm Brot. Das Tagebuch des Gefangenen 109565

„1943: Der 15-jährige Heinz Kounio wird zusammen mit all seinen Familienmitgliedern von den deutschen Besatzern seiner griechischen Heimat inhaftiert und unter entsetzlichen Bedingungen von Thessaloniki ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. 23 Mitglieder seiner Familie und 23 Familienmitglieder seiner späteren Ehefrau wurden gleich nach der Ankunft in Birkenau ermordet. Er selbst arbeitet unter unvorstellbaren Lebensbedingungen 27 Monate lang als Zwangsarbeiter in diesem und weiteren Lagern. Im Mai 1945 wird Heinz Kounio von US-amerikanischen Truppen unter General Patton aus dem Lager Ebensee in Oberösterreich, einem Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen, befreit. In einem Notizbuch vermerkt er stichwortartig seine Erlebnisse. Diese Notizen bilden die Grundlage für Heinz Kounios Autobiographie, in der er die menschenunwürdige Behandlung in den NS-Lagern, das dort herrschende Terrorsystem und die unvorstellbaren Entbehrungen beschreibt, die er während seiner Inhaftierung durchleiden musste.“

>> Für Reflexionen des eigenen Erlebens ist die Ich-Perspektive passender.

Bsp.2: Bericht, Child survivor, 2 Erzählperspektiven

Sonja Mühlberger: Geboren in Shanghai als Kind von Emigranten

Auktoriale Erzählerin: „Sonja Mühlberger wurde 1939 als Tochter jüdischer Emigranten kurz nach deren Ankunft in Shanghai geboren. Frühzeitig lernte sie das entbehrungsreiche Leben des Exils in China unter japanischer Besatzung im Ghetto-Bezirk Hongkew kennen und wurde in den Kampf der Exilanten um das tägliche Überleben eingebunden. Erst 1947 konnten etwa 500 Shanghaier Emigranten nach Deutschland zurückkehren.“

Ich-Erzählerin, aus Sicht der 2. Generation, stellt sich reflektierend in Beziehung zu Vorfahren und rekapituliert: „Im Laufe seines Lebens hatte mein Vater vier Staatsbürgerschaften. Über zehn Jahre war er staatenlos. Er
wuchs mit vier Sprachen auf, lernte dann noch zwei. Geboren im Habsburger Reich, aufgewachsen im Königreich Rumänien, gefangen in der Sowjetunion, folgte er seiner Frau in die DDR und wurde am Ende seines Lebens Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Die einzige Kontinuität war und blieb sein Judentum. Vielleicht war das seine wahre und einzige Heimat …“

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„Ziele, Perspektiven, Herausforderungen“ – die Familiengeschichte Aufschreiben. Hinweise und Austausch für angehende Autor*innen
Sarah Pohl, Lektorat bei Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig
s.pohl@hentrichhentrich.de

Elke Tischer (*1957) – Die Wahrheit über diese Geschichte müssen wir verteidigen

Mein Vater Kurt Gutmann wurde 1927 in Krefeld in einer deutsch-jüdischen Familie geboren. Er war der dritte und jüngste Sohn des Ehepaares Salomon und Jeanette Gutmann. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter die drei Jungen allein auf. Im Jahr 1934 gelang es ihr, für den mittleren Sohn Fritz einen Platz in einem jüdischen Waisenhaus in Schottland zu bekommen, denn in Deutschland wurde dem guten Schüler der Besuch einer höheren Schule verwehrt.

Mein Vater konnte im Alter von 12 Jahren im Sommer 1939 mit einem der letzten Kindertransporte Deutschland in Richtung Großbritannien verlassen. Für ihn sollte es ein endgültiger Abschied von seiner geliebten Mutter und von seinem ältesten Bruder Hans sein. Er hat oft erzählt, dass die Kinder beim Überschreiten der deutsch-holländischen Grenze das Lied „Nun Ade du mein lieb Heimatland“ anstimmten. Deutschland war und blieb seine geliebte Heimat bis zu seinem letzten Atemzug. Er war nicht bereit, sich seine Heimat streitig machen zu lassen von Nazis und Rassisten. Er kam als britischer Soldat 1945 nach Deutschland zurück und kämpfte vom ersten Tag an dafür, dass ein besseres, ein antifaschistisches, friedliches Deutschland aufgebaut wird. Für ihn war es ein großer persönlicher Sieg über den Faschismus, eine Familie gründen zu können und seine Vorstellungen und Ideale an seine Kinder und Enkel weiterzugeben.

Das große Trauma seines Lebens blieb das Schicksal seiner Mutter Jeanette und seines älteren Bruders Hans. Erst 1996 erfuhr er, dass seine Mutter und sein Bruder 1942/1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert wurden. In hohem Alter wohnte mein Vater 2009 als einziger deutscher Nebenkläger dem Prozess gegen den früheren SS-Wächter Demjanjuk bei, der seit 1943 in dem Vernichtungslager an den Mordtaten beteiligt gewesen war. Als Nebenkläger empfinde er keinen Hass, er wolle nur, dass die Menschen die Wahrheit erfahren über das Lager, die Geschichte, die Opfer, zitierte die Berliner Zeitung Kurt Gutmann. Die Wahrheit über diese Geschichte müssen wir verteidigen.

Für mich ist es heute genauso wichtig, dass wir uns unsere Heimat nicht streitig machen lassen von Menschen, die meinen mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ entscheiden zu können, wer hier leben darf und wer nicht und wer als deutsch gilt und wer nicht. Unser Vater hat uns mit auf den Weg gegeben, dass alle Menschen die gleichen Chancen verdienen ein glückliches Leben zu führen, egal wo sie geboren sind. Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, ihrer Ethnie, ihrer Nationalität oder ihrer Religion zu diskriminieren war ihm fremd. Ein friedliches Zusammenleben aller Menschen auf dieser Erde, ohne Hass und Diskriminierung, war das Ideal, für das er sich sein Leben lang einsetzte. Diesem Ideal fühlen wir uns als seine Kinder ebenso verpflichtet.

In der heutigen Zeit, wo wieder Populisten und Nationalisten ihre Stimme erheben (und dies leider nicht nur in Deutschland) und Angst vor dem „Fremden“ schüren, ist es für mich besonders wichtig, sich verstärkt in den Chor derer, die ihre Stimme erheben gegen Fremdenhass und Ausgrenzung einzubringen. Es macht mir Angst, wenn immer öfter Stimmen gegen „die Muslime“, gegen „die Ausländer“ laut werden und das von Menschen, die von sich sagen würden, keine Rassisten oder Ausländerfeinde zu sein. Diese Angst darf aber nicht lähmen, für mich ist sie Anlass, mehr als bisher zu tun, mich einzubringen in die breite Bewegung für ein weltoffenes, tolerantes Deutschland.

Menschen, die keine Vorurteile gegenüber Juden hatten, in einer Zeit, als in Deutschland dazu viel Mut gehörte und in den anderen Ländern Europas zumindest Toleranz und Menschlichkeit, haben unserem Vater und einigen Tausend anderen Kindern das Leben gerettet. Den Mord an sechs Millionen Juden Europas und den bisher schrecklichsten Krieg in der Menschheitsgeschichte konnten sie nicht verhindern. Zum einen weil sie zu wenige waren und zum anderen, weil den Mächtigen Europas der politische Wille fehlte, diese Katastrophe zu verhindern. Wir als die Nachgeborenen haben die Verpflichtung, alles in unserer Macht stehende zu tun, damit eine solche Katastrophe sich nicht wiederholt. Und das heißt für mich, immer und überall den Mund aufzumachen, wenn Menschen auf Grund ihrer Religion, Nationalität oder warum auch immer diskriminiert werden. Soziale Probleme werden nicht gelöst, indem man „den Ausländern“ oder „den Flüchtlingen“ daran die Schuld gibt. Sich für eine sozial gerechte Welt einzusetzen und für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ist ein Prozess der viel Kraft von vielen Menschen erfordert. Ich hoffe, wir schaffen das, damit auch unsere Enkel und Urenkel noch auf dieser Welt glücklich leben können.

Wer sich für das Leben meines Vaters und sein Vermächtnis interessiert, es gibt Aufzeichnungen von Zeitzeugeninterviews mit ihm, die man sich ansehen kann. Mein Bruder und ich sind auch gern bereit, über sein Leben Auskunft zu geben.

Regina Szepansky (*1965) – Nicht allein mit den Deutschen

Mein Vater Wolfgang Szepansky (1910−2018) wuchs in einer kommunistischen Familie auf, mit der er in den 1920er Jahren in einer Agit-Prop-Gruppe auftrat. Ab den dreißiger Jahren war er aktiv im Kommunistischen Jugendverband. Im August 1933 wurde er nach einer Malaktion, bei der er „Nieder mit Hitler! KPD lebt! Rot Front!“ in Kreuzberg an eine Mauer schrieb, verhaftet und kam u a. ins frühe KZ Columbiahaus und in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße. Ende 1933 emigrierte er in die Niederlande und lebte in Amsterdam, bis er 1940 von den Holländern interniert und den Deutschen nach deren Einmarsch übergeben wurde. Im Anschluss kam er ins KZ Sachsenhausen, von 1941 bis 1943 ins Zuchthaus wegen Rassenschande und im Anschluss wieder nach Sachsenhausen zurück. Er überlebte den Todesmarsch Richtung Ostsee, kam zurück nach Berlin und wurde noch 1945 Neulehrer. Im Zuge des Kalten Krieges erhielt er 1951 Berufsverbot und bekam den Status „Opfer des Faschismus“ aberkannt. Erst in den 1970er Jahren wurden ihm Entschädigungsleistungen zugesprochen. Seit den 1980er Jahren war mein Vater bis ins hohe Alter als Zeitzeuge in vielfältigen Zusammenhängen aktiv. 1996 bekam er, gemeinsam mit meiner Mutter Gerda, das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Nicht allein mit den Deutschen

Mich hat das Thema nie richtig losgelassen. Vermutlich habe ich mich auch ganz bewusst in gleichgesinnte Kreise begeben, in denen kaum Ressentiment und Rassismus anzutreffen sind. […] Seit langem arbeite ich bei einem Ausstellungsprojekt, das sich mit den Lebensgeschichten der damaligen jüdischen Bewohner des Bayerischen Viertels in Schöneberg beschäftigt. Gleichzeitig bin ich seit zehn Jahren im Vorstand des Sachsenhausen-Komitees, zu dem ich in Kontakt kam, als ich meinen hochbetagten Vater nach dem Tod meiner Mutter zu gesellschaftlichen Anlässen begleitete. An dieser Tätigkeit hängt mein Herzblut; die Verbundenheit dort ist groß und die Wärme und Herzlichkeit, die mir von den alten Kameraden meines Vaters entgegenkam und -kommt, gilt ein bisschen immer noch ihm, das weiß ich, aber auch der Tochter, die die Arbeit weiterführt. Schließlich habe auch ich die Hoffnung, dass meine Tochter Belana das Andenken mindestens wachhalten wird. Sie hat ihren Opa, der 90 Jahre alt war, als sie geboren wurde, noch kennengelernt und seine Geschichte von ihm selbst gehört, bevor er 2008 im Alter von 97 Jahren starb.

Was nun meine Identität anbelangt, so hat mich die Geschichte meiner Eltern und ihre unermüdliche Aktivität sehr beeinflusst. Von meinem Selbstverständnis her werde ich immer eine Linke bleiben, im Sinne all dessen, was diese Haltung heute für mich ausmacht: Humanismus und Bürgerrechte, soziale Gerechtigkeit, Akzeptanz und Offenheit.

Der Umstand, dass meine Vorfahren keine Nazis waren, ja zum Teil aktiven Widerstand geleistet haben, stellt für mich eine große psychische Entlastung dar. Es ist eine enorme Erleichterung, dass sie keine Schuld auf sich geladen haben. Auch heute noch bin ich oft fassungslos, trotz aller Erklärungsversuche, wie es zu einer solchen kollektiven Entmenschlichung kommen konnte, die so vielen Menschen das Leben gekostet hat; wie menschliches Mitgefühl und Empathie so völlig ausgeblendet werden konnten. In gewisser Weise empfinde ich auch etwas Stolz, dass meine Familie in dieser Zeit nicht auf der Seite der Unmenschlichkeit stand und stattdessen das Richtige getan hat. Gleichzeitig habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu meinem Deutschsein. Einerseits liebe ich die deutsche Sprache, sie ist mir ein vertrautes Zuhause, und ich bin auch verwurzelt in der deutschen Kultur. Auf der anderen Seite fühle ich mich nicht ganz zugehörig, die Deutschen sind irgendwie die anderen. Jegliche Entäußerungen von Nationalgefühl […] bereiten mir Unbehagen. Die neuesten Entwicklungen erschrecken mich zutiefst. Islamfeinde, die zu Tausenden auf die Straße gehen und ungebremst Nazi-Schlagwörter wie „Überfremdung“ und „Lügenpresse“ in die Gegend schreien und Transparente tragen mit Aufschriften wie „Meine Heimat bleibt deutsch“ bereiten mir Angst und Übelkeit, und ich schäme mich gewissermaßen fremd dafür, dass es überhaupt möglich ist, dass Deutsche so etwas wieder in aller Öffentlichkeit von sich geben. Gleichzeitig frage ich mich, welche Verheerung wohl auch die DDR-Zeit in den Köpfen angerichtet hat, wo die ganze Völkerverständigung anscheinend doch mehr eine Phrase war. […]

Meine „Heimat“, als der Ort, dem ich mich zugehörig fühle, war immer nur Berlin, speziell West-Berlin. Ein Teil meiner Identität ist heute noch, West-Berlinerin zu sein. Und da der Berliner vor allem in seinem Kiez lebt, empfinde ich mich in erster Linie als Mariendorferin bzw. als Weddingerin, wo ich seit fast dreißig Jahren gerne und aus Überzeugung wohne. Hier ist das Leben vielfältig und bunt, und wenn ich im Wedding herumlaufe zwischen all den unterschiedlichen Menschen, die hier leben – wenngleich alle Berliner –, fühle ich mich sicher und heimisch. Und oft denke ich dann: „Lasst mich bloß nicht allein mit den Deutschen!“

Regina Szepansky ist Religionswissenschaftlerin und Germanistin und arbeitet freiberuflich im Kulturbereich.

Auszug aus dem gleichnamigen Beitrag zum Buch „Beidseits von Auschwitz − Identitäten in Deutschland nach 1945“, Hg. Nea Weissberg und Jürgen Müller-Hohagen, Lichtig Verlag, Berlin 2015, S. 331−337

Ursula Schwartz (1921-2018) – Das Schweigen war vielschichtig

Vor drei Jahren habe ich meine Unterschrift unter den Antrag zur Anbringung einer Gedenktafel für die während des Stalin-Terrors verfolgten und ermordeten deutschen Antifaschisten und Kommunisten gesetzt. Auf den Tag der öffentlichen Ehrung für meine Eltern, ihre Freunde und Genossen habe ich nicht vergeblich gehofft. Die heutige Einweihung dieser Gedenktafel erfüllt mich mit tiefer Genugtuung.

Die Geschichte meiner Eltern und damit auch meine eigene sind verbunden mit diesem Haus. Seit frühester Jugend waren meine Mutter und mein Vater aktiv in der Arbeiterbewegung. Später waren sie in unterschiedlichen Funktionen für die KPD tätig. Als dieser Ort noch Bülowplatz hieß, gehörte mein Vater zu den Genossen, die für die Sicherheit der in diesem Haus arbeitenden Führungskräfte der Partei sorgten. Das Karl-Liebknecht-Haus war nicht nur die Wirkungsstätte der Parteiführung, es war das Haus der Parteimitglieder, das Zentrum und das Herz der Bewegung. Aus diesem Haus bekamen meine Eltern 1931 den Auftrag, mit meinen zwei Brüdern und mir nach Moskau zu übersiedeln. Dort angekommen, wollten meine Eltern einen Beitrag zum Aufbau des ersten Arbeiter- und Bauern-Staates leisten. Wir lernten die russische Sprache, schlossen Freundschaften und fühlten uns dem Land und den Menschen rasch zugehörig. Im verhängnisvollen Jahr 1937, ich war 16 Jahre alt, wurden meine Eltern und mein ältester Bruder verhaftet. Mit der Rekrutierung meines jüngeren Bruders in die Arbeitsarmee verlor ich den letzten familiären Kontakt. 18 lange Jahre, die ich selbst unter misslichen Bedingungen verbrachte, hatte ich keine Informationen von meinen Angehörigen. Das Jahr 1955 brachte uns, die Überlebenden der Familie, wieder zusammen. Nach 25 Jahren durfte ich endlich in die Heimat, nach Berlin, zurückkehren. Ich nahm an, dass wir – nach den schrecklichen Ereignissen, die wir in der Sowjetunion unschuldig erleiden mussten − Worte der Anteilnahme und des Respekts hören werden. Die Realität war eine andere.

Über die Verbrechen Stalins und die Opfer wurde nicht öffentlich gesprochen. Das Schweigen war vielschichtig und unterschiedlich motiviert. In den Erinnerungen der Familien wirkten die schrecklichen Ereignisse und die Ungewissheit über das tatsächliche Schicksal der Angehörigen über die Jahrzehnte fort und wurden eine schwere Bürde.

Nach 1989 begannen wir Nachkommen, nach dem Schicksal unserer Angehörigen zu forschen. Es war ein schmerzvoller Prozess: Wir erfuhren von den ungeheuerlichen konstruierten Anschuldigungen, von erzwungenen Geständnissen, von Massenerschießungen und Massengräbern.

Unser Arbeitskreis sieht es als seine Verpflichtung an, dafür Sorge zu tragen, dass die Schicksale der unschuldigen Opfer nicht vergessen werden, dass ihnen ihre Namen zurückgegeben werden und ihnen ein würdiges öffentliches Gedenken gewährt wird.

So viele Jahrzehnte sind vergangen. Der Schmerz über den Verlust, über das sinnlose und unmenschliche Leid will nicht vergehen. Ich wünschte, mein Vater wäre heute hier. Er, der die schrecklichen Jahre im Lager und in der Verbannung für immer tief in seinem Inneren begrub und der seiner Trauer um Frau und Sohn niemals öffentlich Ausdruck verleihen durfte. Ich wünschte, die Freundin meiner Berliner Kinderzeit, Margot Kippenberger, stände heute unter uns. Sie, die so viele Jahre vergeblich um die öffentliche Rehabilitierung ihres Vaters Hans Kippenberger kämpfte, enttäuscht und verbittert die DDR verließ. Ich denke an meine Arbeitskollegin Ilse Kohrt, der man die Rehabilitierung ihres Vaters Heinrich Meyer nur mündlich und im Geheimen gewillt war mitzuteilen. Ich denke an Karl Fehler, unserem leider schon verstorbenen Mitglied des Arbeitskreises, den das schwere Schicksal seiner Mutter im sibirischen Arbeitslager ein Leben lang begleitete.

Nun endlich bekommen die deutschen Antifaschisten und Kommunisten, die Opfer des stalinistischen Terrors wurden, an diesem für jene Generation bedeutsamen Ort die ihnen so lange verwehrte öffentliche Ehrung.

Diese Rede hielt Ursula Schwartz (1921- 2018) anlässlich der Einweihung der Gedenktafel am 17. Dezember 2013 am Karl-Liebknecht-Haus zur Erinnerung an die im sowjetischen Exil verfolgten und ermordeten deutschen Antifaschisten. Bei dem von ihr erwähnten Arbeitskreis handelt es sich um den seit 2008 bestehenden „Arbeitskreis Sowjetexil“, dessen Gründungsmitglied Ursula Schwartz war. Am gleichen Abend wurde im Karl-Liebknecht-Haus die Ausstellung „Ich kam als Gast in euer Land gereist …“. Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933–1956 eröffnet. Die Wanderausstellung in deutscher und russischer Sprache wurde bisher in Moskau, St. Peterburg, Paris, im Brüsseler Europaparlament und in neun deutschen Bundesländern gezeigt. Der gleichnamige Bildband (Hg. Wladislaw Hedeler und Inge Münz-Koenen) erschien 2013 im Berliner Lukas-Verlag.

Der Arbeitskreis besteht überwiegend aus Nachkommen der „zweiten Generation“, geboren in der Sowjetunion zwischen 1938 und 1955. Von der „dritten Generation“ sind derzeit mehre Nachkommen mit Forschungen und Publikationen zu ihren Großeltern beschäftigt. Anja Schindler (geboren 1949 in Kasachstan), die Tochter von Ursula Schwartz hat 2016 eine generationenübergreifende Familienbiographie unter dem Titel “… Verhaftet und erschossen“ − Eine Familie zwischen Stalins Terror und Hitlers Krieg“ im Dietz-Verlag veröffentlicht.

Bärbel Schindler-Saefkow (*1943) – Antifaschismus lebendig weitererzählen

Meine Eltern waren Anton und Aenne Saefkow, die am Arbeiterwiderstand in Berlin beteiligt waren. Anton Saefkow wurde am 18. September 1944 wegen Widerstandes gegen das Hitler-Regime in Brandenburg/Görden hingerichtet, Aenne Saefkow ins Gefängnis und KZ Ravensbrück geworfen. Nach der Befreiung durch die Sowjetarmee engagierte sie sich für den Neuaufbau in Berlin, die Errichtung von Gedenkorten und starb im August 1962, als ich 19 Jahre alt war.

Ich bin mit den Erzählungen meiner Mutter über Widerstand, meinen Vater und viele Freunde aufgewachsen. Oft besuchten uns Mitstreiterinnen und Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück. Immer wieder kreisten ihre Gespräche um den Kampf gegen das Naziregime und die verschiedensten Einzelschicksale. Noch während ihrer – zuletzt Jahre andauernden − Krankheit bat mich meine Mutter eines Tages, zu einer Berliner Schule zu gehen, die eigentlich sie eingeladen hatte. Ich war 17 und zögerte. Ich befürchtete, mein Wissen reiche nicht aus, um z. B. über die vielen Geheimnisse der illegalen Arbeit etwas zu erzählen. Ich habe es versucht und wurde sehr persönlich. Das wurde angenommen. Hunderte solcher Veranstaltungen habe ich im Verlaufe von etwa 55 Lebensjahren gestaltet. Meine Erzählungen haben sich über viele Jahre verändert, darin fließen meine eigenen politischen Erfahrungen, meine Hoffnungen als Mutter und als Historikerin ein. Und immer mehr der Wunsch zu erklären, was Antifaschismus war und ist. Wenn ich heute mit jungen Menschen über das opfervolle und zugleich erfüllte Leben und den entbehrungsreichen Kampf meiner Eltern spreche, erhalten viele von ihnen erstmals einen Einblick in eine von den Nazis verfolgte Familie. Ich erreiche die Zuhörenden, deren Familiengeschichte überwiegend eine ganz andere ist, meist emotional und versuche trotzdem, den Bezug zu den Verhältnissen in Nazideutschland und den braunen Gefahren in der Gegenwart herzustellen.

Im Jahre 2006 entwickelten Susanne Riveles und Annette Neumann, deren Väter ebenfalls zum Tode verurteilt worden waren, und ich ein Stolpersteinprojekt. Wir wollten diese für ermordete und in der Haft verstorbene Mitstreiter der „Saefkow- Jacob-Bästlein-Organisation“ verlegen lassen. Wir wollten es aber nicht bei den Stolpersteinen belassen, sondern mit einer Ausstellung an den wenig bekannten Widerstand aus der Arbeiterbewegung erinnern und darüber informieren. Über 500 Männer und Frauen: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Anhänger unterschiedlicher Weltanschauungen, Arbeiter, Angestellte, Ärzte und Künstler waren mit der „Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation“ verbunden. Sie riefen in Flugblättern die Berliner Bevölkerung, Soldaten und Zwangsarbeiter auf, sich für den Sturz Hitlers und die Beendigung des Krieges einzusetzen. Wir recherchierten nach ihren Motiven, ihrem familiären Umfeld und Aktionsformen ihres illegalen Wirkens, den Verbindungen in zahlreiche Betriebe und der Hilfe für Verfolgte.

Für mich begannen Jahre des Suchens und Forschens, in denen ich viel Unbekanntes über die Mitstreiter meines Vaters erfuhr. Es bildete sich ein Kreis von mehr als 40 Angehörigen heraus, die uns mit Fotos und Dokumenten aus Privatbesitz halfen. Die Berliner VVN-BdA unterstützte und begleitete die Erarbeitung der Exposition über eine der größten deutschen Widerstandsorganisationen in der Kriegszeit. Im Sommer 2009 konnten wir die Ausstellung zum Berliner Arbeiterwiderstand 1942−1945 „‘Weg mit Hitler – Schluss mit dem Krieg!‘ − Die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation“ im Zentrum Berlins eröffnen. Seitdem hat sie als Wanderausstellung Berliner Rathäuser und andere Orte gesehen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass diese Präsentation im Vergleich zu einer Veranstaltung oder einem Buch tiefere Spuren bei den Menschen hinterlässt. Vor einigen Jahren begannen sich italienische Antifaschisten für die Ausstellung zu interessieren, die inzwischen auch in Genua und Mailand gezeigt wurde. Ihr Anliegen ist es, den in Italien kaum bekannten deutschen Widerstand gegen das Naziregime der italienischen Öffentlichkeit näherzubringen. Dank des Engagements unserer Freunde liegt seit 2015 der Katalog auf Italienisch vor. Sie haben mich nun eingeladen, an der Eröffnung der italienischen Fassung unserer Ausstellung Ende November 2018 in Turin teilzunehmen.

Wir erleben heute, dass über neofaschistische und völkische Pamphlete sowie Rechtsextremismus Rassismus und Antisemitismus in unser tägliches Leben in Deutschland oder auch in Europa Einzug halten. Die Darstellung der Grausamkeiten der Nazis werden Rechtsnationalisten und gewalttätige Rechtsextremisten nicht davon abhalten, ihre menschenverachtenden Theorien zu verkünden. Wir sollten die angegriffene demokratische Gesellschaft verteidigen und dafür breite antifaschistische Bündnisse schmieden. Und unsere Familiengeschichten als Nachkommen aus antifaschistischen Familien mit einbringen, sie können dabei helfen.

Sabine Reichwein (*1941) – Nachkommen in der Bildungsarbeit

In den letzten Lebensjahren meiner Mutter, Rosemarie Reichwein, begleitete ich sie mehr und mehr zu Veranstaltungen und Interviews, zu denen sie als Zeitzeugin eingeladen wurde. Nach ihrem Tod 2002, kurz nach ihrem 98. Geburtstag, kamen vor allem die Bildungsstätten auf mich zu. Nun war ich für sie zur “Zeitzeugin“ geworden.

Mich an diesen Umstand zu gewöhnen, fiel mir zunächst etwas schwer, weil ich selbst nicht der Ansicht war, eine Zeitzeugin zu sein. Schließlich war ich erst drei Jahre alt, als mein Vater von den Nazis ermordet wurde.

Mit den Jahren gelang es mir aber, aus einer allmählich gewonnenen emotionalen Distanz zu meinem Vater, ihn auch als Menschen von öffentlichem Interesse zu sehen, der ein bedeutender − auch politischer − Reformpädagoge war, und früh zum entschlossenen Gegner der Nazis, folglich zum Widerstandskämpfer als Mitglied des Kreisauer Kreises wurde.

Mit meinem „Übervater“ und großartigen Pädagogen als Vorbild scheute ich erst einmal davor zurück, den Beruf der Lehrerin zu ergreifen. Nachdem ich zuerst eine Fotografenlehre gemacht, acht Jahre als Fotografin gearbeitet und die Meisterprüfung abgelegt hatte, fasste ich schließlich den Entschluss, doch noch einen Beruf zu ergreifen, in dem ich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten konnte. Ich unterrichtete Kinder in der Grundschule und Studenten an der Berliner Hochschule der Künste auch in der Theorie und Praxis der Fotografie.

Von allen drei Ausbildungen profitierte ich besonders, als ich Ende der 1980er Jahre vorübergehend in dem Jugendbildungsprojekt „Stadt als Schule“ mitarbeitete, das Jugendliche förderte, die in der Schule gescheitert waren oder den Unterricht dort verweigerten − dem Leitspruch meines Vaters folgend: „Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht“. Es gibt 30 Schulen in Ost- und Westdeutschland, die den Namen meines Vaters Adolf Reichwein nach dem 2. Weltkrieg verliehen bekamen. Auch in Berlin-Neukölln wurde die damalige Sonderschule nach ihm benannt. Sie existiert heute noch als Förderschule, nachdem die Sonderschulen abgeschafft wurden und diese Schule auch geschlossen werden sollte. Da aber der Bedarf an Förderung lernbehinderter Kinder und Jugendlicher in Neukölln sogar noch weiter anstieg, setzte sich der SPD-regierte Bezirk dafür ein, dass die Schule weiter bestehen bleiben konnte.

Mit dieser Schule verbindet mich inzwischen eine enge Beziehung. Besonders mit dem Künstler und Medienpädagogen Matthias Schellenberger, der es versteht, mit den Kindern und Jugendlichen so zusammenzuarbeiten, dass sie sich auch für die Geschichte des Namensgebers ihrer Schule interessieren und sogar leidenschaftlich mit ihm beschäftigen, sogar für ihn engagieren.

Entsprechend eines weiteren Leitsatzes meines Vaters, „Was die Hand geschaffen hat, begreift der Kopf umso leichter“, erarbeiteten wir gemeinsam handwerklich und theoretisch eine konzentrierte überschaubare Wanderausstellung zu meinem Vater, unter Einbeziehung digitaler Medien, mit denen sie − statt sie lediglich zum Chatten und Spielen zu gebrauchen − selbst filmtechnisch kreativ werden und Videos gestalten, auch Interviews drehen konnten, u. a. mit mir, der „Zeitzeugin“ und Freundin.

Die weiteren Bildungseinrichtungen, die meine Mitarbeit wünschten, waren weitere Schulen, die den Namen meines Vaters tragen, wie zum Beispiel in Hessen die Integrierte Gesamtschule in Pohlheim, die Haupt- und Realschule sowie das Gymnasium in Heusenstamm und die Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Neu Anspach. Diese Schule kooperierte mit einem Lyceum in Schweidnitz/Swidnica, und die Schülerinnen und Schüler begegneten sich 2008 in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Kreisau/Krzyzowa, um sich mit dem Ziel deutsch-polnischer Freundschaft unter dem Motto „In der Entscheidung gibt es keine Umwege“ (Zitat Adolf Reichweins) während einer einwöchigen Projektwoche in Workshops über meinen Vater, den Widerstandskämpfer, den Kreisauer Kreis und den polnischen Oppositionellen und Mitbegründer der „Solidarnosc“ Jacek Kuroń auszutauschen − „Mit Kopf,Herz und Hand“. Dazu hatten sie Kurońs Sohn Maciej und mich als Zeitzeugen eingeladen, interviewten uns beide gemeinsam und wagten es, auch sehr persönliche Fragen an uns zu richten. Außerdem wurde das Leben meines Vaters im Rollenspiel dargestellt und eine Ausstellung über Reichwein und Kuroń zusammengestellt.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Einrichtung mit Bildungsauftrag, wird am 20. November 2018 aus Anlass des 120. Geburtstages Adolf Reichweins in Halle eine Podiums-Gesprächsrunde anbieten, an der Andreas Schmidt, Rüdiger Fikentscher und ich beteiligt sein werden. Die großartigste Feier zum 120. Geburtstag meines Vaters hat in diesem Jahr mal keine Bildungseinrichtung, sondern der besonders engagierte Bürgermeister der hessischen Kleinstadt Rosbach bei Friedberg, in der Mein Vater seit 1904 seine Kindheit und Jugend verbrachte, in der Adolf-Reichwein-Halle im Ortskern veranstaltet.

Gemma Pörzgen (*1962) – Eine wichtige Verpflichtung

Meinen Großvater Heinrich Körner (1892−1945) habe ich nie kennengelernt und doch begleitet er mein Leben und unsere Familiengeschichten, seitdem ich denken kann. Er war christlicher Gewerkschafter in Bonn, wurde nach der NS-Machtergreifung 1933 erstmals verhaftet und war später als Widerstandskämpfer im Rheinischen Kreis an der Vorbereitung des Attentats vom 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler beteiligt. Nach dem Scheitern wurde Heinrich Körner verhaftet, im April 1945 vom Berliner Volksgerichtshof zu vier Jahren Haft verurteilt und saß im Gefängnis Plötzensee ein. Als die sowjetischen Truppen die Gefangenen in der Haftanstalt befreiten, geriet er in die Straßenkämpfe mit der SS und wurde erschossen.

Heinrich Körner liegt heute auf dem St. Elisabeth-Friedhof in Berlin begraben und vor unserem Bonner Familienhaus in der Reuterstraße erinnert seit 2004 ein Stolperstein an sein politisches Engagement. Gleich um die Ecke ist schon seit 1949 eine Straße nach ihm benannt. Die katholische Kirche hat ihn zum Märtyrer des 20. Jahrhunderts erklärt, der für seinen festen Glauben sein Leben opferte. Seine Frau Therese Körner (1901−1994), mit der er drei Töchter hatte, war eine engagierte politische Frau, die in alle Widerstandsaktivitäten eingeweiht war, sie mittrug und ihm den Rücken freihielt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie neben ihrem Lehrerberuf eine aktive Stadtpolitikerin und baute die CDU in Bonn mit auf.

Für mich als Enkeltochter ist das Leben meiner Großeltern eine wichtige Verpflichtung, ihr Erbe und die Erinnerung an ihren Widerstand in der NS-Zeit zu bewahren. Seit dem Tod meiner Mutter Marie Theresa Pörzgen bin ich diejenige in der Familie, die sich in der Erinnerungsarbeit am meisten engagiert. Das habe ich von meiner Mutter übernommen, die einst als älteste Tochter am stärksten in das Widerstandsleben der Eltern eingeweiht war und in den Wirren des Kriegsendes nach Berlin fuhr, um nach der Leiche des Vaters zu suchen. Ihr ganzes Leben war geprägt von den Erfahrungen einer Kindheit und Jugend, in der die Familie immer mit dem Gefühl der Bedrohung lebte und sich für den Alltag eine Tarnung geben musste. In der Nachkriegszeit nahm meine Mutter regelmäßig an Treffen der früheren Widerstandsgruppen teil, besuchte die Gedenkfeiern zum 20. Juli und brachte sich aktiv in die Erinnerungsarbeit ein.

Mir ist der Charakter der Gedenkfeiern immer fremd geblieben, vor allem seit nach der Wiedervereinigung Deutschlands die Rekrutenverteidigung der Bundeswehrsoldaten das militärische Übergewicht noch verstärkt hat. Mich ärgert als Enkeltochter und Journalistin, dass die öffentliche Wahrnehmung des 20. Juli 1944 lange vor allem durch das Gedenken an den militärischen Widerstand geprägt war. Die zivilen Widerstandskämpfer schienen im Schatten der Erinnerung zu bleiben, obwohl viele von ihnen sehr viel früher erkannt hatten, wohin die NS-Diktatur trieb und dass aktiver Widerstand nötig war.

Als mich 2015 die Einladung der Verlegerin Elisabeth Ruge und des Historikers Hans Coppi erreichte, zu einem Berliner Angehörigenkreis dazuzustoßen, war ich gleich dabei und fühle mich dort seither sehr beheimatet. Es finden sich dort Angehörige sehr unterschiedlicher Widerstandsgruppen, die sich über persönliche Familiengeschichten austauschen, aber auch der historischen Forschung zu diesen Themen widmen. Es sind Kinder, Enkelkinder und Urenkel, die mit ihrem Familienerbe in enger Verbindung stehen und sich angesichts der neonazistischen Umtriebe zunehmend gefordert sehen, Stellung zu beziehen.

Zu den wichtigen Erfahrungen unserer Angehörigentreffen gehört auch, dass wir die Ideologisierung der Erinnerungskultur des Kalten Krieges überwinden. Sie hatte in der Bundesrepublik über Jahrzehnte überwiegend den konservativ-militärischen Widerstand gewürdigt, während die DDR besonders den kommunistischen Widerstand gelten ließ. Dabei zeigen die Erinnerungen in den Familien, dass es wichtige Querverbindungen der zahlreichen Widerstandsgruppen gab, die vor allem das gemeinsame Ziel in den Vordergrund stellten, den Sturz der NS-Diktatur.

Auch in meiner christlich geprägten Familie gab es keine Berührungsängste zu Kommunisten im Widerstand, sondern eine geistige Nähe. Sie führte auch nach Kriegsende dazu, dass die jüngste Tochter meines Großvaters, meine Tante Helmi Jaskiewicz, mit Kindern aus dem Umreis der Roten Kapelle, wie Hans Coppi oder Saskia von Brockdorff, in ein Kinderheim nach Dänemark reisten, wo sie sich drei Monaten erholen konnten.

Es ist für uns alle ein wichtiger Fortschritt, dass auch bei den Gedenkfeiern zum 20. Juli 1944 heute Angehörige aus dem kommunistischen Widerstand und der Roten Kapelle völlig selbstverständlich auf der Gästeliste stehen, die jahrelang nicht eingeladen wurden. In der Erinnerung an unsere mutigen Vorfahren lassen wir uns nicht mehr auseinanderdividieren, sondern bewahren das familiäre Erbe im engen Austausch gemeinsam.

Gemma Pörzgen studierte Politikwissenschaft, Slawistik und Osteuropäische Geschichte und ist Journalistin in Berlin.

Eva Nickel (*1948): Vermächtnis − Verantwortung − Verhalten

Als Tochter einer Jüdin und eines Kommunisten bin ich mit unterschiedlichen kulturellen, politischen und religiösen Einflüssen in der DDR aufgewachsen. Meine Mutter hielt vehement an ihrem Jüdischsein fest. Sie hatte die Nazizeit im Untergrund überlebt, doch ihr erster Mann und ihre beiden Kinder waren in Auschwitz vergast worden. Sie hätte es als Verrat empfunden, sich vom Judentum zu trennen. Mein Vater hatte gemeinsam mit seiner Mutter geholfen, Jüdinnen und Juden zu verstecken, darunter war meine Mutter. Nach dem Krieg heirateten die beiden und bauten ihre neue Familie auf. So wurde ich für meine beiden Schwestern geboren und trage auch ihre Namen: Eva Ruth Brigitte. Mein Vater sah dies als Vermächtnis an. Seine „Sprüche“ beeindruckten und beeinflussten mich schon als kleines Mädchen. Manche davon habe ich nie vergessen: „Du hast das Schwert in die Wiege gelegt bekommen. Du bist Jüdin, du musst dafür kämpfen“ oder „Hitler ist tot. Du lebst!“.

Ohne dass ich mich bewusst dafür entschied, bin ich dem Lebenskonzept meines Vaters gefolgt. Meinen Beruf als Ökonompädagogin habe ich gewählt, weil ich mit Jugendlichen arbeiten wollte. Unter anderem ging es mir darum, nicht wie üblich „rituelle Gedenkpolitik“ zu betreiben mit einseitiger Heroisierung des Widerstandskampfes. Ich wollte glaubwürdig sein, Jugendliche sollten bei mir die Schrecken der Naziherrschaft nachvollziehen können und sie sollten Sensibilität entwickeln. Sie sollten bei mir aus der Vergangenheit lernen, Verantwortung zu übernehmen, um (ihre) Zukunft zu gestalten. Bei einigen ist es mir gelungen.

Die „Wende“ brachte auch für mich eine berufliche Neuorientierung. Ab Juni 1991 erhielt ich schließlich eine feste Anstellung bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Zu guter Letzt „landete“ ich in deren Sozialabteilung, wo ich den alten Gemeindemitgliedern, den Überlebenden der Shoah, „treu zur Seite“ stand. Manche von ihnen kannten mich schon als kleines Mädchen. Das erzeugte teilweise eine vertrauensvolle Bindung, die ich einerseits für meine Arbeit benötigte, aber andererseits auch aufpassen musste, nicht vollends vereinnahmt zu werden. Manche waren auch die Eltern meiner Freunde. Durch den Umgang mit den ehemals verfolgten Eltern und ihren Kindern (Zweite Generation wie ich) bemerkte ich, dass wir die gleichen Probleme hatten.

In der Ausbildung zur Sozialarbeiterin lernte ich, welche Ursachen dies hatte und welche Probleme durch diese Konstellation untereinander und miteinander auftraten. In meiner Eigenschaft als Sozialarbeiterin verstand ich mich als die Person, die – wie bei einem Kartenspiel – alle hilfebringenden Karten in der Hand halten kann und für jede Person jeweils die richtige, individuelle Hilfekarte herausziehen sollte. Dieses Bild machte mir meine Verantwortung bewusst, brachte mir den nötigen professionellen Abstand und versetzte mich in die Lage, zielgerichteter helfen zu können – sowohl den Eltern als auch ihren Kindern.

Mein Leben lang suchte ich den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Neben meiner Arbeit in der Berufsausbildung, von der Lehrmeisterin bis zur Ausbildungsleiterin, habe ich mit viel Freude und Spaß einige Jahre lang die etwa 25 Kinder umfassende Kindergruppe der kleinen Ostberliner Jüdischen Gemeinde geleitet.

Später, Anfang der neunziger Jahre, war ich von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in den Kinder- und Jugendhilfeausschuss der Bezirke Prenzlauer Berg und Mitte delegiert worden. Etwa zur selben Zeit war ich am Aufbau der „Berliner Märchentage“ beteiligt, ging in Schulen und Bibliotheken und las und erzählte jüdische Märchen und Geschichten (Midraschim). Aber die Zeiten änderten sich und in den Schulen wurde von den Lehrern mehr interreligiöse Arbeit und endlich auch Arbeit zur Geschichte der Nazizeit gefordert. So kamen Schulklassen in die Jüdische Gemeinde und wollten etwas über jüdisches Leben erfahren.

Mit jüdischen Zeitzeuginnen und -zeugen (meine Klienten) ging ich in Schulen. Während sie (ihre Biographien kannte ich inzwischen recht ausführlich) über ihre Erlebnisse in der Nazizeit berichteten, erklärte ich die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge jener Zeit. Außerdem organisiere ich Führungen über jüdisches Leben in Berlin zu verschiedenen Epochen, Orten und Geschehnissen. Alles hat eine Verbindung mit der Geschichte meiner Familie, mit meinem Leben und mit mir.

Nun, da die Überlebenden der Shoah und der Naziverfolgung immer weniger werden, sind wir, die Zweite Generation, gefordert, die Erinnerungsarbeit fortzusetzen. Anhand der eigenen Familiengeschichte und des selbst mit den Eltern Erlebten können wir nachfolgenden Generationen sowohl Wissen als auch Emotionen vermitteln, um sie zu befähigen, die jegliche menschliche Vorstellung übersteigenden Verbrechen der Nazis nicht erneut zuzulassen. Aufgewachsen in der Welt der Überlebenden der Naziverfolgung, verstehe ich dies als mein persönliches Vermächtnis – gerade weil Hass, Gewalt, Demagogie und Herrenmenschentum in unserer Zeit wie Bojen an die Wasseroberfläche schießen.

Kamil Majchrzak (*1976) – Nachkommen und erinnerungspolitische Ethik

Das erste, woran ich mich aus meiner Kindheit an meinen Großvater Stanisław Majchrzak erinnere, ist, dass wir Auschwitz spielten. Aus alten Streichholzschachteln bauten wir Krematorien. Als der Teppich Feuer fing, schimpften unsere Eltern. Keiner erklärte uns damals vier- oder sechsjährigen das Wort Auschwitz. Das Schwiegen über die Stationen des aufgeschobenen Sterbens und Überlebens meines Großvaters in Zuchthäusern und Lagern wie Neusustrum V, Auschwitz-Birkenau, Mittelbau-Dora oder Bergen-Belsen war dennoch unüberhörbar. Ich war erst sechs Jahre alt, als mein Großvater an den Spätfolgen der Verfolgung 1983 starb. Wir konnten als Erwachsene nie darüber sprechen.

Fünfzehn Jahre später versteckte ich mich hinter Brettern auf einer Baustelle in Frankfurt (Oder). Zwei Neonazis vom „Oder-Sturm“ lauerten mir auf dem Nachhauseweg zum Studentenwohnheim auf. Sie hielten mir eine Pistole an die Schläfe. Ich erinnere mich an ihr „Sieg Heil“. Einige Monate vorher wartet sie auf mich am Gedenkstein für die zerstörte Synagoge. Einer schlug von hinten mit einem Baseballschläger zu. Ich erinnere mich an das Gefühl des zwischen den Fingern rinnenden Blutes und die Angst, den Kopf zu berühren, um dort vielleicht das Hirn zu berühren.

Als meine Tochter Emilia zur Welt kam, beschloss ich nach Buchenwald zu fahren. Ich wollte meinen Großvater verstehen oder besser gesagt kennenlernen. Seine Einsamkeit und Isolation. Ich irrte in Weimar umher. Ich wollte ihm ein Zeichen geben, dass ich für ihn da bin, ihm zuhören möchte. Er schwieg.

Anders als für erinnerungspolitische Expert*innen ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für viele Nachkommen eine sehr persönliche und traumatische. Bei unsere Suche wurden wir weitgehend allein gelassen, teilweise bewusst isoliert. Obwohl viele Expert*innen die Gefahren beschwören, die eintreten, wenn die letzten Überlebenden sterben, habe ich oft das Gefühl, dass manche es kaum erwarten können, dass diese tatsächlich verstummen.

Die Nachkommen werden in der Bildungsarbeit als Partner*innen kaum berücksichtigt. Die Erfahrungen der Nachkommen werden oft nur um den Preis ihrer Pathologisierung anerkannt. Wir sind Objekte einer Politik, nicht jedoch deren eigenständige Subjekte. Nichts anderes ist unseren Großeltern widerfahren. Zunächst hörte ihnen keiner zu. Also gab es sie gar nicht. Irgendwann war es zu spät für Anerkennung, Entschädigung, Rente, Rehabilitation und Respekt.

Die individuelle Pathologisierung erlaubt damals und heute, von den konkreten Täter*innen zu abstrahieren und die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie hervorbrachten, zu vernebeln. Dies verhindert auch eine Auseinandersetzung mit ähnlichen Prozessen in der Gegenwart. Während die Vergangenheit aus dem gesellschaftlichen Kontext losgelöst wird, verwandelt sich auch die Gegenwart zu etwas ewig transzendentem, von Vergangenheit losgelöstem. Dabei macht gerade das Sichtbarmachen der Realität gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse und die Verstrickung in diese Gewalt – auch als Opfer in einem KZ oder während der Besatzung – eine kritische Perspektive auf die Gegenwart und die heute herrschenden Machtverhältnisse möglich. Sie offenbart unsere Handlungsmöglichkeiten und Verantwortung für den anderen Menschen.

Anders als viele erinnerungspolitische Expert*innen, wollen wir Nachkommen weder Repräsentieren, noch als neue Opfern definiert werden.

Das Fortwirken der Vernichtung und der traumatischen Erfahrungen beschränkt sich nicht nur auf die Überlebenden des Nationalsozialismus und der Shoah. Sie sind erfahrbar für uns als nachkommende Generationen. Die Auseinandersetzung damit wird zu einer persönlichen Frage der Ethik, wodurch wir Nachkommen ein Gegenstück erarbeiten können zu einer Form der Erinnerung, die sich lediglich auf historische Zeitangaben und Zahlen der Ermordeten bezieht. Allein auf Grundlage historischer Zeitangaben kann eine kritische Auseinandersetzung mit der sozialen Realität der Gegenwart nämlich nicht stattfinden.

Der hilflose Versuch, für und im Namen der Ermordeten zu sprechen, verkennt, dass Geschichtswissenschaft an sich gar keine Pflicht zur Erinnerung kennt. Gesellschaftliche und individuelle Ethik dagegen schon. Wir, die Nachkommen, könnten hier durch Erfahrungen bei der Aufarbeitung traumatischer Ereignisse unserer eigenen Geschichte einen Beitrag leisten, um in Zukunft die Fortsetzung der Erinnerungsarbeit ohne unsere Großeltern und Eltern fortzusetzen.

Die damaligen Gewaltverhältnisse wirken vielfach nach wie vor real fort. Sie wirken aber auch unbewusst durch transgenerationale Trauma-Weitergabe fort und machen die Vergangenheit zur immer wiederkehrenden Beschäftigung in der Gegenwart. Ob wir, die Nachkommen, das wollen oder nicht, irgendwann bricht es heraus, auch wenn es eine Generation überspringen kann. Und beides ist verschränkt mit herrschenden gesellschaftlichen Diskursen, Machtverhältnissen, aber auch der Rolle der Expert*innen, die sie bewusst oder unbewusst zur Legitimierung und Immunisierung ihrer Deutungen in der Erinnerungspolitik einnehmen.

Es liegt an uns, uns unserer eigenen Verantwortung in der Gegenwart und unserer Bedeutung bewusst zu werden. Wir müssen eine eigenständige Stimme erheben, um uns diesen Herausforderungen zu stellen. Jede Generation der Nachkommen muss ihren eigenen Weg finden, damit umzugehen. Keiner kann sie jedoch dazu zwingen.

Wir dürfen jedoch weder unser heutiges Leben aufgeben aufgrund der Last von Auschwitz, noch nur um den Preis des Vergessens weiterleben.

Kamil Majchrzak ist Mitglied des Vorstandes des Internationalen Komitees Buchenwald Dora (IKBD) und der Berliner VVN-BdA. Für sein Engagement für die Ghetto-Renten wurde er 2015 von Überlebenden mit der Ehren-Medaille „Aufstand im Warschauer Ghetto“ ausgezeichnet.